Wie unser Gehirn Kontext nutzt

Das Gehirn als Vorhersagemaschine

Unser Gehirn nimmt die Realität nicht passiv auf. Es arbeitet aktiv als Vorhersagemaschine. Jede Wahrnehmung ist das Ergebnis eines kontinuierlichen Vergleichs zwischen:

Dieses Prinzip beschreibt Karl Friston als das Free Energy Principle (2010): Gehirne versuchen ständig, den „Fehler" zwischen Erwartung und Realität so gering wie möglich zu halten.

Die 30/70-Regel

Forscher schätzen, dass unsere Wahrnehmung der Realität nur aus einem begrenzten Teil „rohem Input" besteht. Etwa 30 % von dem, was wir wahrnehmen, kommt direkt von den Sinnen, und 70 % werden von unserem Gehirn durch Kontext, Erinnerungen und Erwartungen ergänzt. Kontext bestimmt also den größten Teil unserer Erfahrung.

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Beispiel: ein weinendes Kind

Der Baum als Metapher]] Stellen Sie sich vor, Sie sehen ein weinendes Kind. Die erste, primäre Reaktion ist: es zu trösten. Aber der Kontext kann die Interpretation vollständig verändern:

Dasselbe Verhalten kann daher zu völlig unterschiedlichen Reaktionen führen, je nach Kontext.

Individuelle Unterschiede in der Kontextverarbeitung

Dass Kontext die Interpretation bestimmt, verstehen fast alle. Was oft weniger erkannt wird: die Kontextsensitivität selbst unterscheidet sich auch unter Menschen.

Manche Menschen sind gut darin, andere haben mehr Schwierigkeiten. Das bedeutet, dass dieselbe Situation von verschiedenen Menschen sehr unterschiedlich verstanden oder bewältigt werden kann.

Selektion und Filterung

Kontext hilft uns auch, nicht von Informationen überwältigt zu werden. Von den Tausenden von Reizen, die pro Sekunde auf uns einprasseln, erreicht nur ein Bruchteil unser Bewusstsein. Der Rest wird automatisch gefiltert:

Illusionen als Fenster auf Kontext

Visuelle und kognitive Illusionen zeigen, wie stark Kontext unser Denken färbt. Das Gehirn trifft Annahmen basierend auf Wahrscheinlichkeit und ignoriert manchmal die „rohen Daten". So verstehen wir, warum:

Von der Wahrnehmung zum Verhalten

Die Art, wie unser Gehirn Kontext nutzt, bestimmt nicht nur, was wir sehen oder hören, sondern auch, wie wir reagieren. Wenn der Kontext uns sagt, dass ein Geräusch gefährlich ist, werden wir erschrecken. Wenn der Kontext beruhigend ist, können wir dasselbe Geräusch als harmlos interpretieren.

Weiter

Siehe auch Was ist Kontext? für eine allgemeine Einführung, und Das Spektrum der Kontextsensitivität für die Unterschiede zwischen Individuen.