Mehr Diagnosen durch weniger Kontextualisierung
In den letzten Jahren haben wir einen starken Anstieg bei Autismus-Diagnosen und anderen psychiatrischen Klassifikationen beobachtet. Ein wichtiger Teil davon lässt sich damit erklären, dass in Gesellschaft und Versorgung immer weniger Aufmerksamkeit auf den Kontext gelegt wird.
Zwei strukturelle Ursachen
- Die Gesellschaft ist komplexer geworden:
- Früher boten Religion oder Ideologie klare Rahmenbedingungen
- Heute gibt es eine Fülle von Informationen, insbesondere durch soziale Medien
- Dies erfordert von jedem Einzelnen mehr Kontextsensitivität
- Das informelle Sicherheitsnetz wurde geschwächt:
- Beide Eltern arbeiten
- Großeltern sind weniger verfügbar
- Nachbarn spielen kaum noch eine Rolle
- Menschen, die Schwierigkeiten mit der Kontextualisierung haben, fallen eher durch das Raster
Folge
Die Zahl der Menschen mit Kontextblindheit bleibt relativ konstant, aber:
- Früher wurden sie durch klare Rahmenbedingungen und ein starkes soziales Netzwerk unterstützt
- Heute geraten sie häufiger in Schwierigkeiten
- Dadurch werden sie häufiger mit einem psychiatrischen Label wie Autismus diagnostiziert
Kritische Anmerkung
Mehr Diagnosen bedeuten nicht automatisch, dass es „mehr Autismus" oder „mehr Depression" gibt. Es könnte genauso gut auf eine Gesellschaft hinweisen, die Unterschiede in der Kontextsensitivität weniger berücksichtigt.
Fazit
Überdiagnose entsteht, wenn wir zu wenig kontextualisieren. Je mehr wir Kontext in Versorgung und Gesellschaft integrieren, desto weniger besteht Bedarf an psychiatrischen Labels.