Autismus und Kontextblindheit

Der Begriff Kontextblindheit wurde ursprünglich entwickelt, um das Kernproblem des Autismus zu beschreiben (Peter Vermeulen, 2011). Autistische Personen haben oft Schwierigkeiten, kontextuelle Informationen bei der Interpretation von Signalen und Ereignissen zu nutzen.
Autismus im DSM
Im DSM-5 wird Autismus als eine Störung beschrieben mit:
- Einschränkungen in sozialer Kommunikation und Interaktion
- begrenzten, repetitiven Verhaltensweisen oder Interessen
Wichtig zu betonen: Das DSM ist ein Klassifikationssystem, kein Erklärungsmodell. Das Label Autismus beschreibt nur ein Cluster von Verhaltensweisen und Erfahrungen, sagt aber nichts über die einzigartige Person aus.
Ein bekannter Ausspruch fasst dies gut zusammen: Wenn du eine Person mit Autismus kennst, kennst du eine Person mit Autismus.
Neurahmung aus der Perspektive des kontextuellen Denkens
In diesem Projekt betrachten wir Autismus nicht nur als eine Störung, sondern als eine Variante im Denkstil:
- geringe Kontextsensitivität (stark detailorientiert, Schwierigkeiten mit Zusammenhängen und impliziten Signalen)
- Stärken in Genauigkeit und Detailwahrnehmung
- Verletzlichkeiten in Beziehungen, Flexibilität und Grundvertrauen
Beispiele für Kontextblindheit bei Autismus
- Wörtliche Sprachinterpretation („der Zug hat Verspätung" → Blick auf das Fahrzeug statt auf den Fahrplan).
- Schwierigkeiten, die Emotionen anderer ohne ausdrückliche Erklärung zu kontextualisieren.
- Reizüberflutung durch Lärm oder sozialen Druck, weil das Herausfiltern irrelevanter Reize schwierig ist.
Spektrum und Überschneidungen
Autismus zeigt Überschneidungen mit anderen kontextbezogenen Verletzlichkeiten:
- Persönlichkeitsstörungen (Rigidität, Grundvertrauen)
- Psychosen (wenn Überlastung zu Realitätsproblemen führt)
- Depression und Burnout (durch ständige Überkompensation in einer komplexen Welt)
Die acht Störungen von De Bruin
Colette de Bruin beschreibt in Dit is autisme (2017, 4. Aufl. 2023) acht Informationsverarbeitungsstörungen, die mit Autismus einhergehen. Aus der Perspektive des Context Thinking lassen sie sich als acht Erscheinungsformen von Kontextblindheit lesen:
- Fragmentierte Informationsverarbeitung — die Bäume, nicht der Wald.
- Soziale Informationen nicht erkennen — emotionale und implizite Signale werden übersehen.
- Falsche Verknüpfungen herstellen — Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge werden falsch gespeichert.
- Über- oder unterempfindlich reagieren — sensorische Reize werden unzureichend gefiltert.
- Schwierigkeiten mit der Bedeutungsgebung — wörtliche Interpretation, längere Verarbeitungszeit.
- Chaotisches Speichern von Informationen — das Wiederfinden kostet unverhältnismäßig viel Energie.
- Referenzrahmen fehlen — unzureichend aufgebaute soziale und sachliche Rahmen.
- Informationen nicht verwerfen — das Arbeitsgedächtnis füllt sich durch mangelnde automatische Filterung.
Der gemeinsame Nenner: Jede dieser Störungen ist verständlich als Ausdruck verminderter Kontextintegration. Die Störungen sind die Ursache; Kontextblindheit ist die kognitive Konsequenz — zwei komplementäre Beschreibungen desselben Phänomens.
De Bruin schlug auch die CASS (Circle of Autism Spectrum Symptoms) als Alternative zum linearen Spektrummodell vor: Autismus ist kein Punkt auf einer Linie, sondern ein mehrdimensionales Profil. Siehe Das mehrdimensionale Profil für die vollständige Ausarbeitung.
Hinweis
Die acht Störungen sind ein Praxisrahmen von De Bruin, kein wissenschaftlich validiertes diagnostisches Modell. Quellenangabe: Bruin, C. de & Naber, F.B.A. (2023). Dit is autisme. Van hersenwerking tot gedrag (4. Aufl.). Doetinchem: High 5 Publishers.
Fazit
Autismus lässt sich als eine extreme Form des niedrig-kontextuellen Denkens verstehen. Die Klassifizierung als „Störung" ist in der medizinischen Praxis hilfreich, sollte aber nicht mit einer Erklärung oder mit der Person selbst verwechselt werden. Jeder Mensch mit Autismus ist einzigartig, mit eigenen Stärken, Verletzlichkeiten und Wegen, mit Kontext umzugehen.