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Empathie und Denkstile

Siehe Lexikon – Empathie für die allgemeine Definition und Formen der Empathie.
Empathie als Überschneidung zweier verschiedener Perspektiven
Empathie entsteht in der Überschneidung zweier unterschiedlicher Erfahrungswelten — sie erfordert sowohl die Fähigkeit als auch die Bereitschaft, die Perspektive des anderen einzunehmen.

Siehe Lexikon – Empathie für die allgemeine Definition und Formen der Empathie.

Drei Arten der Empathie

Die Wissenschaft unterscheidet klassisch drei Formen der Empathie:

Kontextuelle Empathie

Es gibt ein viertes Element, das wir hier kontextuelle Empathie nennen. Es ist keine eigene vierte Art, sondern ein Regler: Er bestimmt, ob die drei klassischen Formen im richtigen Moment angemessen eingesetzt werden.

Kognitiv zu verstehen, dass jemand weint, ist etwas anderes als zu spüren, dass Schweigen jetzt mehr bedeutet als Trösten. Melloni, Lopez und Ibanez (2014) beschreiben Empathie daher als einen Prozess, der stark vom Kontext gesteuert wird.2 Heyers und Kollegen (2025) lieferten dafür aktuelle empirische Unterstützung: Empathie wechselt nachweislich mit dem Kontext.3

Auch im Gehirn zeichnet sich dieser Unterschied ab. Affektive Empathie stützt sich auf die Insula und den mittleren cingulären Kortex (Kern des Salienznetzwerks). Kognitive Empathie stützt sich auf andere Regionen, die an innerer Vorstellung beteiligt sind.4 So verbindet sich kontextuelle Empathie direkt mit dem Netzwerk, das bestimmt, welches Signal gerade wichtig ist.

„Kontextuelle Empathie" ist noch kein etablierter wissenschaftlicher Begriff. Wir präsentieren ihn als Denkhilfsmittel, das an bestehende Befunde anschließt, nicht als gesicherte Kategorie.

Niedrig-kontextuelles Denken

Hoch-kontextuelles Denken

Hyper-Empathie: zwei entgegengesetzte Dinge unter einem Wort

Wer sagt „ich fühle zu viel" oder sich selbst hyper-empathisch nennt, beschreibt eines von zwei Mustern, die aus Sicht der Kontextsensitivität einander entgegengesetzt sind. Der Unterschied liegt nicht darin, wie stark die Emotion hereinkommt, sondern in dem, was wieder hinausgeht: Ist die Reaktion auf die Umgebung abgestimmt, oder muss sich die Umgebung an die Person anpassen?

Vermeulen weist darauf hin, dass dieses zweite Muster von außen leicht für Empathie gehalten wird. Jemand erkennt ein Gefühl und reagiert angemessen — aber weil er eine Situation wiedererkennt, die er selbst erlebt hat, nicht weil er sich in den anderen hineinversetzt. Er nennt das eine Enzyklopädie von Szenarien: solange der andere fühlt, was die Person selbst einmal gefühlt hat, passt die Reaktion; bei etwas, das sie nie erlebt hat, fällt sie weg.10 Wer beide Muster unter ein Label fasst, verliert genau das, was in der Begleitung zählt: die erste Gruppe braucht Begrenzung, die zweite Abstimmung.

Empathie und Erschöpfung in Pflegeberufen

Es liegt nahe zu denken, dass viel Empathie immer gut ist. Das stimmt nicht ohne Weiteres. Holas und Kollegen (2024) untersuchten polnische Pflegekräfte während der Corona-Pandemie.5 In dieser Studie war warme Fürsorge nicht schützend — sie hing sogar mit mehr Erschöpfung zusammen. Vor allem persönliches Leid erwies sich als stark mit Burnout verbunden.

Zhou (2025) bestätigt anhand einer breiteren Literatur, dass der Zusammenhang zwischen Empathie und Burnout nicht geradlinig ist.6 Er hängt von der Art der Empathie ab. „Mehr ist besser" gilt hier also nicht.

Empathie und Psychopathologie

In der klinischen Praxis werden manchmal Empathieprofile bei bestimmten Störungen beschrieben. Das sind Arbeitshypothesen und Heuristiken, keine gesicherten empirischen Profile:

Für eine sorgfältigere Besprechung, siehe Persönlichkeitsstörungen.

Das Double-Empathy-Problem

Damian Milton (2012) formulierte das double empathy problem: Die empathische Diskrepanz zwischen autistischen und nicht-autistischen Menschen wirkt in beide Richtungen.7 Es ist also kein einseitiges autistisches Defizit. Das Konzept ist in der Autismus-Gemeinschaft populär geworden.

Dennoch ist Vorsicht geboten. Livingston, Hargitai und Shah (2025) analysierten die wissenschaftliche Grundlage und schlussfolgern, dass das Konzept auf einer auffällig schwachen Argumentationskette beruht und häufig mit anderen Begriffen verwechselt wird.8 Wir nennen die Idee daher, raten aber davon ab, sie als Grundlage für Politik oder klinische Entscheidungen zu verwenden, bis die Evidenz solider ist.

Fallbeispiel

Partner A (hoch-kontextuell) bemerkt, dass Partner B müde ist, und beschließt, das Abendessen allein zu organisieren. Partner B (niedrig-kontextuell) interpretiert dies als: „Er möchte nicht zusammen essen" und fühlt sich abgelehnt. Der Unterschied im Empathie-Stil führt zu einem Missverständnis, obwohl die Absicht fürsorglich war.

Abschließend eine messtechnische Anmerkung: Empathiefragebögen messen nicht alle dasselbe. de Lima und Osório (2021) fanden, dass verschiedene Instrumente nur mäßig miteinander übereinstimmen.9 Ein Empathiewert hängt also auch vom verwendeten Instrument ab.

Referenzen

  1. Singer, T., & Klimecki, O. M. (2014). Empathy and compassion. Current Biology, 24(18), R875–R878. doi:10.1016/j.cub.2014.06.054
  2. Melloni, M., Lopez, V., & Ibanez, A. (2014). Empathy and contextual social cognition. Cognitive, Affective, & Behavioral Neuroscience, 14(1), 407–425. doi:10.3758/s13415-013-0205-3
  3. Heyers, K., Schrödter, R., Pfeifer, L. S., Ocklenburg, S., Güntürkün, O., & Stockhorst, U. (2025). (State) empathy: how context matters. Frontiers in Psychology, 16, 1525517. doi:10.3389/fpsyg.2025.1525517 — PubMed 40040661
  4. Arioli, M., & Canessa, N. (2019). Neural processing of social interaction: Coordinate-based meta-analytic evidence from human neuroimaging studies. Human Brain Mapping, 40(13), 3712–3737. doi:10.1002/hbm.24627
  5. Holas, P., Gambin, M., Wojtkowiak, N., Kmita, G., & Łojek, E. (2024). Relationship of burnout with empathy dimensions in healthcare workers in Poland during the COVID-19 pandemic. Health Psychology Report, 13(2), 156–169. doi:10.5114/hpr/188097 — PubMed 40487480
  6. Zhou, H. (2025). Relationship between empathy and burnout as well as potential affecting and mediating factors from the perspective of clinical nurses: a systematic review. BMC Nursing, 24(1), 38. doi:10.1186/s12912-025-02701-0 — PubMed 39794782
  7. Milton, D. E. M. (2012). On the ontological status of autism: the 'double empathy problem'. Disability & Society, 27(6), 883–887. doi:10.1080/09687599.2012.710008
  8. Livingston, L. A., Hargitai, L. D., & Shah, P. (2025). The double empathy problem: A derivation chain analysis and cautionary note. Psychological Review, 132(3), 744–757. doi:10.1037/rev0000468 — PubMed 38829337
  9. de Lima, F. F., & Osório, F. de L. (2021). Empathy: Assessment Instruments and Psychometric Quality — A Systematic Review With Meta-Analysis. Frontiers in Psychology, 12, 781346. doi:10.3389/fpsyg.2021.781346 — PubMed 34899531
  10. Vermeulen, P. (2005). Een gesloten boek. Autisme en emoties (vollständig überarbeitete Ausgabe), Kapitel 5 „Empathie — Inleven". Acco, Leuven. ISBN 9789033459092; E-Book ISBN 9789033496400.